Ursprünglich in der deutschen Ausgabe von Jornal de Letras veröffentlicht. Übersetzung ins Deutsche von Barbara Bichler.

Joana Bértholo : Ökologie

Mein erster Roman, der veröffentlicht wurde, Diálogos para o Fim do Mundo (dt: Dialoge für das Ende der Welt), beschritt bereits die Pfade, die schließlich fast zehn Jahre später in Ecologia (dt: Ökologie) zusammenliefen. Zwar unterscheiden sie sich in der Form, doch beide Romane erzählen vom selben Kern, von der Nonkonformität mit der materialistischen – aber auch kognitiven - Beziehung zu unserem Planeten: Warum sehen wir die Natur als etwas von uns Getrenntes an? Warum nehmen wir ihre Zerstörung nicht als Selbstzerstörung wahr? Warum tun wir nicht mehr dagegen? Warum hören wir nicht auf damit? In der Gesellschaft von Ecologia, in der beinahe alles schon privatisiert wurde – alles ist käuflich, alles ist veräußerlich -, ermöglicht der technische Fortschritt, jede Äußerung zu digitalisieren, zu quantifizieren und zu besteuern, und generiert damit einen neuen Markt: Euphemistisch nennt sich diese Entwicklung „Plan der Wiederaufwertung der Wörter“ und konfrontiert uns mit der Frage: Was wäre, wenn wir fürs Sprechen bezahlen würden? Aus nächster Nähe folgen wir Figuren verschiedener sozialer Schichten: der Journalistin Carolina und dem Journalisten Tápio, einem Paar, das nicht in der Lage ist, miteinander zu sprechen; dem befreundeten Ehepaar Lucía und Pablo und ihrer Tochter Candela. Candela ist auf den ersten Seiten ein Mädchen und am Ende des Buches eine ältere Dame, wodurch klar wird, wie viel Zeit vergangen ist, ohne je zu definieren zu welcher Zeit (doch auf jeden Fall in der Zukunft); Darla Walsh, die unternehmerische Allmacht, und die Echo-Frau, ihre Assistentin; Nelson, der für ein Verbrechen im Gefängnis sitzt, das er nicht begangen hat, und Pedro, der Stotterer. Um sie kreisen einige andere Namen, die alle damit beschäftigt sind, neue Kommunikationsformen zu schaffen, und die alle Sprache als Phänomen ansehen. Sie alle müssen die unterschiedlichen Stufen, oder „Phasen“, des
Privatisierungsplans durchlaufen: In der ersten Phase werden nur ein paar Wörter „aufgewertet“, einige wenige, doch bald werden es immer mehr, während das System dahinter lernt, immer genauer hinzuhören, und erstaunlicherweise auch lernt dazuzulernen.
Seit den Diálogos para o Fim do Mundo wurde mir mit jedem weiteren Text klarer, dass wir keine wirkliche ökologische (protektionistische) Debatte führen können, ohne die ökonomischen Fragen grundlegend zu diskutieren, wie die des Konsums und die der Beschränkung all der unterschiedlichen Wertformen auf eine einzige: die monetäre. Deshalb widmet sich ein Roman mit dem Titel Ecologia beinah ausschließlich Geschichten in denen es um Märkte, Technologien und Formen des Sprechens geht. Die Ökologie wird von der Biologie abgespaltet, um die Beziehung von Mensch und Welt genau unter die Lupe zu nehmen. Gegen Ende des Buches lernen wir dank einer kleinen Gruppe Widerstandskämpfer diejenigen kennen, die sich weigerten, zu einem Teil der totalitären Logik zu werden, und ihre Beweggründe dafür. Zu ihren Argumenten zählen das Schweigen, die entschleunigte Zeit und die nicht-menschlichen Sprachen. Am Schluss steht der Vorschlag, die Welt solle ihre ganz eigene Sprache sprechen, eine, die wir heute verlernen oder die zu hören wir uns weigern.